„Zwischenspiel in der Josefstadt“

Von dem Abend, als Schnitzlers Zwischenspiel zu (m)einem unerwarteten Theater-Intermezzo wurde. Die etwas andere Theaterkritik.

Eine Meinung zu haben ist nicht schwer, sie aber auch kundzutun steht für mich auf einem anderen – in diesem Fall virtuellen – Blatt. Im Bereich der bildnerischen Künste fällt mir das Teilen meiner Laien-Meinung in der Regel nicht besonders schwer. Mangelnde handwerkliche Ausbildung in diesem Bereich kann ich einem jahrzehntelangen, sehr regelmäßigen Besuch einer Vielzahl an Ausstellungen und Vernissagen gegenüberstellen.

Kunstwerke sind starr, unbeweglich und durch Geduld und Zeit kann man mit Beobachtungsgabe und Interesse so manchen verborgenen Schatz finden. Der Bereich der darstellenden Künste ist dynamisch. Wertschätzung, Zeit und Beobachtungsgabe helfen wohl auch hier weiter, aber ohne Verständnis für das Handwerk kann man sich leicht etwas im Abseits fühlen. Am Abend der Premiere sah ich mich unerwartet einer herausfordernden Fragestellung gegenübergestellt: „Wie würde eine Akademikerin die kommende Aufführung wahrnehmen und beschreiben?“

Nun, die Akademikerin würde mit den Grundlagen beginnen.

Arthur Schnitzler schrieb Zwischenspiel zwischen 1904 und 1905. Es wird den Komödien zugeordnet, aber mir blieb ob der dargestellten Wahrheiten und des berührenden Schauspiels oft das Lachen im Hals stecken. Zwischenspiel begibt sich in die Abgründe der kleinsten Verbindung, die zwischen zwei Menschen möglich ist, der Ehe.

Mit erstaunlicher Zielgenauigkeit legt Schnitzler seinen Finger in jede Wunde, vom hoffnungs- und angstvollen Festhalten am vertraut-bekannten über den alleseinnehmenden Wunsch nach Freiheit und dem Neuartigem bis hin zum ultimativen Eingeständnis des Versagens. Man muss nicht in Scheidung leben oder geschieden zu sein, um zu verstehen, dass dieser Schmerz zwischen Vertrauen und Versagen in uns allen sitzt, wahrscheinlich sogar eine unserer Urängste darstellt.

Man teilt das eigene Leben, die eigene Persönlichkeit mit einem anderen Menschen und wenn alles vorbei ist, ist man ein Stück weniger als zuvor. Und so beobachten die Zuseher*innen gebannt, wie sich die drohende Unausweichlichkeit des Abschiedsschmerzes von der ersten Minute an aufbaut und sind dann doch traurig berührt, dass sie sich bewahrheitet.

Doch zurück zu den Grundlagen. Gleich zu Beginn der Aufführung sticht das Bühnenbild (Florian Parbs) ins Auge. Schlicht, aber ausgesprochen raffiniert wird es sich im Laufe des Abends immer wieder als großartige Untermalung der vorgetragenen Emotionen erweisen. Manchmal Spiegel, manchmal Fenster – manchmal geben die Spiegel Zerrbilder der gespielten Wirklichkeiten wider, manchmal lassen sie wie Fenster tief in die verborgenen und vergrabenen Gefühle der Schauspieler*innen blicken.

Oftmals in Bewegung drehen sich die Spiegel-Fenster um die eigene Achse. Auch das ist eine gelungene Analogie zu den Hauptdarsteller*innen, die sich auf emotionaler Ebene fast bis zur Ohnmacht um die eigene Achse drehen und doch in festgefahrenen Mustern hängen. Mitreißend und bildgewaltig in Szene gesetzt von Regisseur Peter Wittenberg.

Ergänzend dazu die Beleuchtung (Pepe Starman): top und immer der Situation angepasst. Das Zusammenspiel von Bühnenbild und Beleuchtung, den Lichtreflexen und den Schattenbildern ist schon fast ein Kunststück für sich.

Der erste Akt beginnt mit der Vorstellung von Amadeus (ganz großartig: Bernhard Schir) als Kapellmeister Amadeus und der Gräfin Friederike (nicht weniger beeindruckend: Silvia Meisterle). Schon nach den ersten Sätzen wird klar, dass dem passiv-aggressiven Miteinander etwas anderes zugrunde liegt als gegenseitige Verachtung – es ist naiv-hoffnungsvolle Anziehung. „An einem halben Ton soll unser Glück nicht scheitern,“ so die Gräfin.

Amadeus rechtfertigt sein Verlangen nicht nur mit dem Verhalten seiner Frau, die auffallend viel Zeit mit Fürst Sigismund verbringt, sondern versteckt seine aufkeimenden Schuldgefühle auch hinter der Ausrede von schonungsloser Offenheit und Transparenz zwischen den Eheleuten. So würde er seiner Frau frei heraus jedes Detail der Unterhaltungen mit der Fürstin erzählen und sich keiner Schuld bewusst sein. Das Publikum ahnt es: eine Affäre zwischen Kapellmeister und Fürstin ist unausweichlich.

Dann lernen wir Cäcilie (Bereicherung des Abends: Maria Köstlinger) kennen, ihres Zeichens Opernsängerin und Ehefrau von Amadeus. Sie kehrt von einem ausgiebigen Spaziergang mit Fürst Sigismund (beehrt uns erst im 3. Akt mit seinem genialen Auftritt: Roman Schmelzer) in das eheliche Heim zurück. Cäcilie und Amadeus führen ein richtungsweisendes Gespräch voller zweideutiger Anspielungen und verabreden, die eheliche Treue durch absolute Ehrlichkeit zu ersetzen.

Beide sind der Meinung, so nicht nur den Anschein einer funktionierenden Ehe aufrecht erhalten zu können, sondern auch das persönliche Glück zu finden. Vom verliebten Paar zu besten Freunden scheint niemals so einfach und beherrscht-erwachsen wie zwischen den beiden.

Schon im ersten Akt wird auch dem Laien klar, dass Schir und Köstlinger ihre Rollen mehr als ausfüllen. Zwischenzeitlich vergisst man, in einer Theateraufführung zu sitzen und meint, Zeuge des Verfalls einer tatsächlichen Ehe zu sein. Das spricht auch für die Adaptierung des über 100 Jahre alten Stücks und in keinem Moment ist die gewählte Sprache irritierend.

Während die Katastrophe ihren Lauf nimmt, begegnen wir den letzten drei Figuren des Stücks. Peter, der kleine Sohn des Ehepaars (berührend, nicht nur wenn er singt: Philipp Bauer) spiegelt die wachsende Spannung und Aggression zwischen seinen Eltern äußert glaubhaft wider. Albertus, Schriftsteller und Amadeus‘ Freund (humoristischer Lichtblick des Abends: Joseph Lorenz) durchschaut die Situation fast von sofort und versucht, seinem Freund mit pointierten Lagebeschreibungen zur Seite zu stehen.

Zusammen mit Albertus‘ Frau Maria (charmant naiv: Martina Stilp), planen die zwei Paare einen Sommerurlaub, den die Frauen von den Männern getrennt verbringen werden. Im anschließenden Herbst und Winter haben Amadeus und Cäcilie jeweils Engagements, die sie getrennt voneinander wahrnehmen und so endet der erste Akt mit der Gewissheit, dass die Katastrophe nicht nur ihren Lauf nimmt, sondern auch eintreffen wird.

Der zweite Akt eröffnet mit der fulminanten Rückkehr von Cäcilie, die ihr Engagement äußert erfolgreich beendet hat. Förmlich von der Welle des Triumpfs getragen, kehrt sie zu ihrem ihr freundschaftlich verbundenen Ehemann zurück. An dieser Stelle bestechen die großartigen Kostüme von Alexandra Pitz, die vorallem Cäcilies Wandel von der in der unglücklichen Ehe gefangen zur gefeierten, von konventionellen Zwängen befreiten Opernsängerin unterstreichen. Auch Amadeus geschmackvoller, schwarzer Dreiteiler möchte nicht unerwähnt bleiben – mit dem smaragdgrünen Innenfutter schon fast ein dezentes, politisches Statement.

Cäcilie scheint wie verwandelt und Amadeus’ Affäre ist beendet. Das Wiedersehen der beiden ist geprägt vom Verlangen und dem Wunsch nach dem Vertrauten, aber auch der Sicherheit, die damit kommt. Durch die Entfernung und die Zeit, die das Paar getrennt verbracht haben, scheinen sie sich fremd – was die Anziehung nur weiter befeuert. Fürst Sigismund hat die Zeit des Engagements mit Cäcilie gemeinsam verbracht, Zeitungen berichten von der vermeintlichen Affäre und einer bevorstehenden Hochzeit.

Dieses Wissen befeuert Amadeus‘ Leidenschaft und Eifersucht. Die Szenen sind so großartig gespielt, dass man diese Emotionen nicht zweifelsfrei unterscheiden kann. Völlig gespannt verfolgt man die Irrungen und Wirrungen der menschlichen Emotionen und fiebert der sich abzeichnend Versöhnung des Ehepaars entgegen – in dem Wissen, dass das wohl nur einen destruktiven Ausgang nehmen kann. Dem dramaturgischen Höhepunkt folgt die Pause.

Der Pause folgt ein dritter Akt mit neuem Bühnenbild. Das Piano liegt in Trümmern; ein gezeichneter, barfüßiger Amadeus zeigt seine innere Zerstörung nun auch nach außen sichtbar. Die mögliche Vermählung seiner Frau treibt ihn an den Rand des Wahnsinns. Er besinnt sich seiner liebevollen Gefühle für Cäcilie, nur die Beweggründe für seinen Sinneswandel sind nicht ganz klar.

Völlig außer sich schickt er Albertus mit einer Aufforderung zum Duell zu Fürst Sigismund. Währenddessen trifft der Fürst bei Amadeus ein. In einer wirklich heiteren und extrem gut gespielten Passage klären die beiden Männer alle Missverständnisse, die zwischen ihnen stehen.

Das Gespräch mit dem Fürsten lässt Amadeus fast schon euphorisch zurück. Doch es dauert nicht lange, bis ihm die schreckliche Wahrheit in ihrer gesamten, niederschmetternden Dimension bewusst wird. Die Erleichterung weicht schlagartig der Verzweiflung – Cäcilie hat die eheliche Treue nicht gebrochen. Ein berührendes Gespräch zwischen den Eheleuten folgt und auch wenn die Details ungenannt bleiben, so ist doch klar, dass diese Beziehung auf allen Ebenen hoffnungslos zerrüttet ist.

Besonders berührend ist die Inszenierung der Schlussszene, die eine nur oberflächlich gefasste, aber doch zutiefst verletzte Cäcilie auf der dunklen Bühne alleine zurücklässt. Am Ende war es der Glaube an die Hoffnung, der den Blick auf die grausame Realität verhindert hat.

Der begeisterte Schlussapplaus hallt zurecht verdient durch das Theater. Das Ensemble hat es scheinbar mühelos geschafft, die Tragik der Emotionen der Aufführung bis ins Innerste des Publikums zu transportieren. Etwas Melancholie hält sich auch am „Tag danach“ standhaft in meiner Erinnerung. Und wenn das nicht der ultimative Zweck von Theater ist, dann weiß auch die Akademikerin nicht mehr weiter.

Theater in der Josefstadt

Premiere: 29. Januar 2020

Weitere Termine & Infos

Webseite https://www.josefstadt.org/programm/stuecke/premieren-201920/action/show/stueck/zwischenspiel.html

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