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„Medea“: Ehe-Showdown mit Happy-End

Mit einem frappantem Schluss-Applaus ging am 9. September Grillparzers Medea über die karge Bühne der Josefstadt. Überzeugt hat in Elmar Goerdens Inszenierung vor allem Sandra Cervik in der Rolle der titelgebenden Protagonistin.

„Wenn das Unglück dem Verbrechen folgt, folgt öfter das Verbrechen noch dem Unglück!“

Franz Grillparzer/ MEDEA IV

Zugegeben, „Medea“ war schon zu Schulzeiten sehr harter Tobak für mich. Weder Euripides noch Grillparzer konnten mich für dieses „griechische Ehedrama“ mit teils tödlichem Ausgang begeistern. Dabei liebe ich griechische Dramen genauso sehr wie Shakespeares Dramen. Allerdings habe ich die Muttermörderin stets der Kindsmörderin vorgezogen. Bei Kindsmord hört sich der Spaß bei mir auf.

Und doch hat mich Elmar Goerdens Medea im Theater in der Josefstadt ungewohnt tief in Herz und Hirn getroffen. Nicht ob des trostlosen Bühnenbildes, das wohl den Seelenzustand Medeas widerspiegeln soll. Die Requisiten sind ein Graus, die Kostümauswahl teils bizarr (Was wohl Franz Grillparzer zu Waschbärkostüm & Hawaiihemd sagen würde?). Doch diese Medea (Sandra Cervik) zieht einen schon zu Beginn derart in ihren Bann, dass alles andere (beinah`) zur Nebensache wird. Man solidarisiert sich plötzlich mit einer Frau, deren Tat einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Diese erst halbwegs beherrschte Frau ist letzten endes so rachsüchtig, sie könnte sich mit Uma Thurman aus Kill Bill messen. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass Uma auf ihrem Racheweg alle Schuldigen umbringt, nicht aber ihr eigenes Kind. Und dennoch hegt man für diese barbarisch-fremde Frau aus Kolchis, die sicher keine Heilige ist, eine beinah erschreckende Sympathie. Die Liebe macht sie verletzlich, die Rache umso stärker. Unaufhörlich pendelt man in diesen knapp 100 Minuten zwischen Mitleid, Solidarität, Abscheu und Faszination. Und das alles ganz ohne den sonst für die Josefstadt mittlerweile doch so wichtigen Migrationshintergrund der Figuren. Hier steht eindeutig das Scheitern einer Ehe durch Verrat und deren fatale Folgen im Vordergrund.

„Du hast zu Liebe mich verlockt und fliehst mich?“

Medea zu Jason

Joseph Lorenz als Medeas Ehemann Jason hingegen spielt den Bilderbuch-Antimann mit erschreckend ansteckender Antipathie. Ein Weichei und Verräter, dem das eigene Wohl über das der Familie geht. Um seine Haut zu retten verrät er seine Frau, nimmt ihr die Kinder und lässt sie gleich auch noch vom befreundeten König Kreon (Wolfgang Hübsch) verstoßen. Das früher anziehende Fremde verliert für Jason in der Heimat sichtlich jeden Reiz. Da lässt er sich doch lieber mit „Jugendfreundin“ und Königstochter Kreusa (Katharina Klar) vermählen, als sich für die Mutter seiner Kinder einzusetzen. Kreusa müsste sich hier allerdings zahlreichen Verjüngungskuren unterworfen haben, um mit Jason seit Kinder-Jugendtagen befreundet gewesen sein zu können. Doch auch das stört ob der Groteske der Figuren um Medea nicht. Da ist auch kaum verwunderlich, dass Medeas Amme Gora mit dem wirklich höchst überzeugenden Michael König besetzt worden ist. Sein durchaus fesselndes Spiel lässt so manche Kostümsünde vergessen.

Ob diese Inszenierung mit einer weniger starken Protagonistin auch funktioniert hätte, ist fraglich. Dank der stark überzeugenden Josefstadt-Mimen ist dieser einstige, harte Tobak doch noch zu einem überraschend erfreulichen Theaterabend mutiert. Vielleicht auch verstärkt durch Gordens ungewöhnliches Happy-End. Ein Ende, dass es nach einem Showdown in griechischen Tragödien zwar so nicht gibt, welches aber nach Pandemie, Lockdowns und Co das eh schon schwere Herz wieder ein bisschen leichter werden lässt. Auch wenn man weiß, dass gar nichts „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist.


FAZIT:

Cerviks starkes Spiel lässt mitunter die aufkeimende Bühnenbild-Depression vergessen. Alles in allem ein durchwegs fesselnder Theaterabend mit einem ungewöhnlichen aber durchaus akzeptablen Ende.


„Die Kinder! Meine Kinder! Ja, sie sind’s! Das einz’ge was mir bleibt auf dieser Erde.

Ihr Götter, was ich schlimmes erst gedacht, Vergeßt es und laßt sie mir beide, beide!

Dann will ich gehn und eure Güte preisen, Verzeihen ihm und – nein ihr nicht! – Ihm auch nicht!

Hierher ihr Kinder, hier! – Was steht ihr dort Geschmiegt an meiner Feindin falsche Brust?

O wüßtet ihr was sie mir angetan, Bewaffnen würdet ihr die kleinen Hände,

Zu Krallen krümmen eure schwachen Finger, Den Leib zerfleischen, den ihr jetzt berührt.

Verlockst du meine Kinder? Laß sie los!“


BESETZUNG

Regie
Elmar Goerden

Bühnenbild
Silvia Merlo
Ulf Stengl


Kostüme
Lydia Kirchleitner


Dramaturgie
Matthias Asboth

Licht
Manfred Grohs

MIT


Kreon, König von Korinth
Wolfgang Hübsch


Kreusa, seine Tochter
Katharina Klar


Jason
Joseph Lorenz


Medea
Sandra Cervik


Gora, Medeas Amme
Michael König


Medeens Kinder
Moritz Hammer/Tommy Neumayer/Johnny Waldeck/Bruno Schiel/Michael Nes


THEATER IN DER JOSEFSTADT

Josefstädter Str. 26, 1080 Wien

Webseite: https://www.josefstadt.org/programm/stuecke/premieren-2021/22/stueck/medea.html

Facebook: https://www.facebook.com/TheaterinderJosefstadt



VIDEO:

Video: Jan Frankl

Chefredakteurin bei CRITICAL MINDS MAGAZIN +++ Ressortleitung: Theater-Film-Stars +++ Davor als Kultur-Redakteurin tätig bei SCHiCKMagazin, KURIER Medienhaus und der Tageszeitung HEUTE.